Neue Lern- und Prüfungsformate – Chancen für gutes Lernen und echte Entwicklung

Die Art und Weise, wie in Schule gelernt und geprüft wird, steht aktuell in einer grundlegenden Diskussion: Klassische schriftliche Tests, zeitlich fixierte Prüfungen und einseitige Wissensabfragen verlieren ihre alleinige Legitimation. Stattdessen rücken lernprozessbegleitende, kompetenzorientierte und authentische Prüfungsformate in den Mittelpunkt – passend zu den Anforderungen einer vernetzten, digitalisierten und komplexen Welt.

Warum brauchen wir neue, lernprozessbegleitende und kompetenzorientierte Prüfungsformate?

Traditionelle Prüfungen messen oft nicht das, was wirklich entscheidend ist:

  • sie prüfen selten über reines Faktenwissen hinaus,
  • sie sind häufig nicht eng mit tatsächlichen Lernprozessen verknüpft,
  • und sie entsprechen nicht den Anforderungen einer Welt, in der Problemlösefähigkeit, Zusammenarbeit, Kreativität und kritisches Denken zentral sind. 

Gerade im Zuge der Digitalisierung und mit der Perspektive von KI-basierten Arbeitswelten wird deutlich, dass Schule nicht nur Inhalte vermitteln, sondern Kompetenzen entwickeln muss – und zwar in Lernformen, die diesen Kompetenzen gerecht werden.

Was bedeutet das konkret für Lern- und Prüfungsformate?

1. Kompetenzorientierte Prüfungen

Kompetenzbasierte Bewertungen stellen nicht mehr die reine Wissensabfrage in den Vordergrund, sondern zeigen, was Lernende tun können – z. B. in Analyse, Argumentation, Problemlösung oder Kommunikation. Solche Ansätze sind inzwischen auch Teil internationaler Reformprojekte, etwa bei der CBSE in Indien, wo Kompetenz-Assessments eingeführt wurden, um analytische und reflexive Fähigkeiten der Schüler:innen zu stärken.

2. Projektbasierte Lernsettings

Projektbasiertes Lernen (PBL) ist eines der zentralen Elemente innovativer Lernkultur:

Schüler:innen bearbeiten reale oder realitätsnahe Aufgaben über längere Zeit, reflektieren Lernprozesse und präsentieren Ergebnisse – wodurch Lernen und Bewertung zusammenwachsen. Forschung zeigt, dass solche Formate tiefere Lernprozesse anregen und sowohl individuelles als auch kooperatives Lernen stärken. 

3. Leistungsrückmeldung statt Punktetest

Anstelle von punktuellen Leistungstests setzt eine neue Lernkultur auf fortlaufende Rückmeldungen, die Lernende im Lernprozess unterstützen und motivieren – ein Ansatz, der in der aktuellen Bildungsforschung als tragfähiger Weg zu echtem Kompetenzwachstum gilt. 

4. Prüfungskultur neu denken

Es geht nicht nur um neue Formate, sondern um eine ganzheitliche Prüfungskultur: Prüfungen sollen sich an Lernprozesse anschließen und diese widerspiegeln, statt sie getrennt zu betrachten. Dies kann z. B. durch Portfolios, Präsentationen, simulationsbasierte Aufgaben oder kollaborative Prüfungssettings geschehen. 

Wie Schule auf dem Weg einen Willensbildungsprozess begleiten kann

Die Veränderung von Lern- und Prüfungsformaten berührt neben pädagogischen Fragen vor allem Werte, Haltung und gemeinsame Zielvorstellungen:

  • Wofür wollen wir lernen?
  • Wie lassen sich Lernen und Leistung so verbinden, dass individuelle Lernwege sichtbar werden
  • Welche Formate fördern Gerechtigkeit, Teilhabe und echte Kompetenzentwicklung?

Ein Willensbildungsprozess – also ein gemeinsamer, demokratischer Entwicklungsprozess in der Schule – kann hier ein tragfähiger Weg sein:

  1. Gemeinsame Vision entwickeln

Mit Schulentwicklungsgruppen, Lehrkräften, Eltern, Schüler:innen und externen Expert:innen wird ein gemeinsames Verständnis davon entwickelt, was gutes Lernen und gute Leistungsbeurteilung ausmacht. Dabei können zentrale Leitfragen sein:

  • Welche Kompetenzen sind uns wichtig?
  • Was soll eine Prüfung leisten und was nicht?

Ein solcher Prozess stärkt die Identifikation aller Beteiligten und macht die Zielbilder transparent. 

  1. Erfahrungsräume schaffen

Schule auf dem Weg kann begleiten, indem Lernsettings und Prüfungsformate erprobt werden – wie projektorientierte Module, kollektive Präsentationen, kompetenzorientierte Aufgaben oder hybride Prüfungsformen. Reflexions- und Feedbackphasen sind dabei zentral, um Erfahrungen auszutauschen.

  1. Feedback- und Lernkultur etablieren

Ein Willensbildungsprozess sollte nicht nur ein einmaliges Gespräch sein, sondern etablierte Konversationsräume schaffen: , Profil- und Perspektivwerkstatt, Kollegiale Fallberatung, Evaluation von Erprobungsräumen und gemeinsame Reflexionen stärken gemeinsames Lernen über Haltungen und Praxiserfahrungen und bringen nachhaltige Entwicklung.

  1. Schlüsselkompetenzen sichtbar machen

Im Rahmen des Prozesses können Instrumente wie Kompetenzmatrizen helfen, Lernfortschritte und Leistungsnachweise transparent zu machen – nicht nur für Lehrkräfte, sondern auch für Lernende und Eltern. 

Fazit – Prüfungskultur als Lernkultur

Neue Lern- und Prüfungsformate stehen für einen Paradigmenwechsel:

Weg von punktuellen Tests, hin zu lernprozessbegleitenden, reflexiven, kompetenzorientierten Formaten.

Sie ermöglichen Schule, die Schüler:innen nicht nur auf Prüfungen, sondern auf das Leben in einer komplexen Welt vorbereitet – mit Kompetenz, Selbstständigkeit und Verantwortung.

Schule auf dem Weg kann diesen Wandel unterstützen, indem es Schulen begleitet, Perspektiven einzubeziehen, gemeinsam Visionen zu entwickeln und stufenweise neue Formate zu erproben – nicht als Vorgabe, sondern als gestaltbare Entwicklung.

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